Wald

Ich schreite durch einen Wald. Ich bin allein. Mächtige, uralte Schönheit umgibt mich. Anmutige Riesen schließen die Stille in sich ein, die jetzt mich in sich aufnimmt. Durchdrungen wird sie vom holzigen Knarren greiser Natur und vom Rascheln der Blätter im verträumten Wind.

Kein Laut aus meinem Munde tritt, denn ich weiß, ich würde ihn nicht vernehmen. Niemand könnte ihn vernehmen außer den Bäumen. Doch würden sie mich verstehen? Würden sie mit mir trauern? Oder bliebe ich allein mit meinem Schmerz? Ich weine. Die aufgehende Herbstsonne läßt die Blätter der Bäume in ihrem Licht tanzen und ich weine. Meine Trauer gilt einem Engel. Ich hielt sie in meinen Armen und machte zum ersten Mal in meinem Leben die Erfahrung “Liebe” und wußte um den Ursprung meiner Gefühle – im Herzen. All die Unsicherheiten und Fragen lösten sich in Nichts auf und ich war frei, ich war glücklich und ich war bereit, mich der Existenz meines Selbst zu offenbaren. Doch sie verschwand aus meinem schillernden Schatten und jetzt gehe ich einsam und weinend durch diesen wundervollen Wald der Stille, durch meinen Wald. Meine Tränen benetzen den Boden und der von den grüngelben Riesen tropfende Morgentau gibt mir nach langen, nebelverhangenen, ermüdenden Märschen durch das Sein wieder das Gefühl, verstanden zu werden. Ein wohltuendes Gefühl. Ich gehe noch lange, unsichtbare Wege, um dann auf einer kleinen Lichtung stehenzubleiben. Ich fühle mich beobachtet. Am Rande der Lichtung nehme ich eine Bewegung wahr. Aus der Tiefe des Waldes erscheint ein Mann – alt, zerlumpt. Er ähnelt einem der Gesellschaftsopfer, die in der Großstadt, am Straßenrand sitzend, um ein Stück Leben bitten. Weiße Augen blicken ins Leere. Trotzdessen kommt er mit einer Last auf seinem Rücken zielsicher auf mich zu. Schwerfällig zieht er seine Füße über den von Blättern bedeckten Boden. Rhytmisches Rascheln. Einen großen Spiegel vorhaltend bleibt er vor mir stehen. Wir sind beide regungslos. Im mannshohen Spiegelglas erblicke ich mein eigenes Sein in einer verzerrten Leere. Verkörperungen von Angst, Trauer, Liebe und Kummer zerfleischen mein reflektiertes Ich. Ich spüre Schmerzen bei diesem Anblick. Wahnsinnige Schmerzen. Der Spiegel zeigt den Rest meiner Seele, der einmal bleiben wird – eine kleine, schwarze Rose, benetzt von den Tränen der Menschen, denen ich noch etwas bedeute. Es sind nicht viele. Die Rose zerfällt zu Asche, die in der Vergessenheit vergeht. Erschrocken weiche ich zurück und der Spiegel zerbricht splitternd. Bruchstücke bohren sich in mein Fleisch. Sie werden zu Tränen, die sich mit meinem Blut mischen, um im Erdboden zu versickern. Ein Sturm aus Gelächter zieht auf, dem sich die Bäume mich schützend entgegenstellen. Mein Gehör droht zu zerspringen, so laut ist das höhnische Lachen über mir. Nur dem alten Mann scheint es nichts auszumachen. Der Sturm vergeht. Der Mann bückt sich und sammelt sorgfältig jedes der weit verstreut liegenden Bruchstücke des Spiegels der Wahrheit auf. Mit Enttäuschung in seinem alten, eingefallenen Gesicht wendet er sich noch einmal mir zu und verschwindet dann im Dunkel des Waldes. Ich bleibe allein zurück in meinem großen, wunderschönen Wald der Leere…