Sepulcrum
Das feuchte, vom Tau der Nacht benetzte Laub bleibt völlig lautlos unter seinen Füßen, die ihn hierher trugen. Er steht vor dem großen Tor. Das gealterte Mauerwerk arbeitet seit mindestens hundert Jahren an seinem Verfall. Er drückt die Klinke herrunter und das aus Stahl gefertigte, mit vielen wunderschönen Verzierungen ausgestattete Tor gibt in seinem Schloß nach und ein gedämpftes, quietschendes Geräusch zeugt vom Öffnen des Tores.
Dem folgt ein Knirschen, das von Schritten auf dem weißen Kiesweg erzeugt wird. Das Licht des vollen Mondes scheint durch die Baumkronen. Dadurch entstehen Schatten, die durch ihre Wirre eine romantische Atmosphäre schaffen. Das leise Rauschen der vom Wind durchzogenen Bäume vervollständigt die Anmut dieser Szene. Er kennt diesen Ort. Früher kam er oft hierher, wenn er sich einsam fühlte, was oft der Fall war. Er hatte nie viele Freunde. Dieser Ort war eine Zuflucht für ihn, wenn er der Sinnlosigkeit und Traurigkeit des Alltags, wie er es nannte, entfliehen wollte. Er besuchte seine Eltern, die schon seit Jahren hier sind. Es ist ein Ort genannt Friedhof, der Ort der letzten Ruhe. Es war immer schön hier, besonders im Herbst. Die Bäume, die Sträucher. Selbst die manchmal klobigen Grabsteine störten diese anmutige, romantische Schönheit nicht. Sie ergänzten sie sogar.
Doch nun ist es Nacht und er ist wieder hier. Doch er weiß nicht warum. Er kann sich nicht an sein Hierherkommen erinnern. Er stand plötzlich vor dem Tor, doch er erinnert sich nicht an den Weg dorthin. Nun schreitet er ziellos auf dem knirschenden Kiesweg entlang.
Doch was ist das? Da stehen doch Leute. Um diese Zeit? Doch es sind keine Schatten oder trügerische Spiele seiner Gedanken. Da stehen Menschen. Er geht zu ihnen. Die in schwarz gekleideten Personen, etwa ein Dutzend an der Zahl, rühren sich nicht. Starr, Holzfiguren gleich, stehen sie da. Die Bäume werfen ihre Schatten auf ihre Gesichter und hüllen deren Züge in Dunkelheit. Der plötzlich ertönende Glockenschlag der naheliegenden Friedhofskapelle läßt ihn zusammenzucken und genau mit dem elften und letzten Ton vernimmt er ein Motorengeräusch, dem ein, die rührungslose Szenerie erhellender Lichtkegel folgt. Nun erscheinen auch Gesichter, die ihn, als er sie betrachtet nachdenklich werden lassen. Er kennt jedes von ihnen. Seine zwei Brüder, seine Schwägerinnen, seine Nachbarin, die sich immer etwas bei ihm borgte, drei seiner Arbeitskollegen, sein Chef und eine entfernte Cousine von ihm. Doch da steht auch ein wunderschönes, in einen schwarzen Umhang gehülltes Mädchen. Bei ihrem Anblick entwickelt sich der quälende Gedanke in ihm, daß er Erinnerungen an sie haben müßte. Die Gewißheit, die er fühlt, daß er Erinnerungen an eine vielleicht große Liebe und die damit sicher schönste Zeit seines Lebens einfach verloren haben könnte, läßt ihn in Trauer versinken. Doch bevor der erste, aus seinem tiefsten Inneren hervorkommende Tropfen des Wassers der Traurigkeit seinen Körper verläßt, wird er jäh aus seinen Gedanken gerissen, denn der inzwischen nähergekommene Leichenwagen hält direkt neben ihm. Zwei große Männer in schwarz mit bleichen Gesichtern entsteigen demselben und gehen, rhytmisch knirschende Geräusche verursachend zum Ende des Wagens. Die Türen werden geöffnet und die Männer entnehmen dem Heckraum des Wagens, der mit violettem Samt ausgelegt ist, einen Sarg. Doch die Leichtigkeit, mit der die zwei den sicher sehr schweren Sarg anheben und zum offenen Grab tragen, läßt ihn erschaudern. Ihre Gesichtszüge lassen weder Anstrengung noch irgendwelche Anteilnahme am Tod eines Menschen erkennen. Er kann sich irren, doch er glaubt sogar einen Ausdruck hämischer Freude zu bemerken. Was geht hier vor sich? Er sieht sich um und erkennt, daß derselbe Ausdruck auch in den Gesichtern der anderen Anwesenden vorhanden ist. Nur dieses unbekannte, wunderschöne Mädchen trägt diese Gefühle anscheinend nicht in sich, sondern ist von tiefer Trauer erfüllt.
Mit einem schmatzenden Geräusch fällt der Sarg, der von den Männern aus knieender Position fallengelassen wurde auf den, von der Feuchtigkeit der Nacht getränkten Boden und versinkt dort durch sein eigenes Gewicht wenige Zentimeter tief. Ungeachtet ihrer vom Schlamm bespritzten Hosen entfernen sich die Sargträger ein wenig und nehmen ihren Platz im Hintergrund ein. Ein Pfarrer, der ihm noch gar nicht aufgefallen war, tritt an das offene Grab heran und beginnt mit seiner Trostesrede. Nutzen sieht er darin keinen. Er hat noch nie viel von Trauer und Trost gehalten. “…Asche zu Asche, Staub zu Staub.” beschließt der Geistliche seine Rede, der niemand so richtig zugehört zu haben scheint. Langsam senkt sich der Sarg auf den Grund des Grabes. Nur das leise Weinen des Mädchens begleitet ihn in die Dunkelheit, in der er die nächsten Jahre damit verbringen wird, unter ein paar Blumen langsam zu verrotten und mit der Zeit…vergessen zu werden.
Er, der noch immer am Rand des Grabes neben den Leuten steht, traut seinen Augen nicht, denn der, schon aufgestellte Grabstein wird enthüllt und es ist sein Name, der auf dessen kalte Oberfläche gemeißelt wurde. Auch das Geburtsdatum entspricht dem seinem. Doch der Tag seines Todes…ist erst in zwei Jahren! Was hat das zu bedeuten? Er sieht seine eigene Zukunft? Wie ist das möglich? Was hat das für einen Sinn? Er schreit seine Gedanken aus sich heraus, doch wie schon die ganze Zeit vorher, wird er auch jetzt nicht wahrgenommen. Er glaubt seinen Augen nicht zu trauen, aber plötzlich verdunkelt sich die Szene, wie eine Theaterbühne, über der die Scheinwerfer ausgeschaltet werden und sich Dunkelheit legt, um die Schauspieler zu verschlucken. Ein seltsames Geräusch dringt in seine Ohren, wird immer lauter und er wacht in einer beängstigenden Enge auf. Noch immer leicht benommen vom gerade Erlebten,wird ihm bewußt, daß dieses Geräusch Bestandteil seines Traums war, von dem er zumindestens glaubt, daß es ein ebensolcher war. Es wurde vom Sand erzeugt, der auf den…Sarg fiel. Doch es kommt jetzt von oben…
Jetzt wird ihm alles klar. Die zwei Jahre, von denen er vor einer Minute noch gar nichts wußte, schießen ihm durch dem Kopf. Der Bruch mit seiner Familie und Alice, das schöne Mädchen. Die gemeinsame Zeit, die sie verbrachten, waren ein Traum, der nie enden sollte. Sie gab ihm die Liebe, die ihm sein ganzes Leben verborgen blieb. Doch der Unfall ließ alle Träume zerplatzen. Er weiß nicht, warum er dem Baum nicht ausweichen konnte…
Dem muß ein längeres Koma gefolgt sein und jetzt liegt er in dem Sarg, vor dem er eben noch stand. Doch er lebt! ER LEBT! Er hämmert mit den Fäusten gegen den Deckel, doch von außen erfolgt keine Reaktion. Der Sand wandert weiterhin in die Tiefe und verschluckt seine verzweifelten Schreie.