traumessenz – fragmente

Raison D’Être – Metamorphyses

Peter Andersson alias Raison D’Être gehört nun schon seit 1991 zum festen Repertoire und wichtigen Vertreter des Dark Ambient. Der umtriebige Schwede, der auch durch einige Seitenprojekte bekannt geworden ist, hat es nun wieder geschafft, nach drei stillen Jahren (von den Remasterings alter Stücke mal abgesehen) mit “Metamorphyses” ein großartiges Album vorzulegen. Mehr zu Peter Anderssons musikalischem Schaffen kann übrigens auf seiner Homepage nachgelesen werden.

Besonders nach den beiden letzten Alben “Requiem for Abandoned Souls” von 2003 und “The Empty Hollow Unfolds” von 2000 habe ich mit großer Spannung und mit einigen Erwartungen dem neuen Werk entgegengeblickt. “The Empty Hollow Unfolds” war ja das erste Album, auf dem sich Andersson intensiv mit metallischen Klängen beschäftigt hat, also sich über die reinen elektronischen Klänge mit Chorälen versetzt hinausgewagt hat. Wie der metallische Sound entstanden sind, weiss ich nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, wie er in einer leeren Halle mit einigen Helfern große verbogene Metallplatten durcheinanderwirft, über den Boden schleift, mit Netzen aus Ketten bearbeitet und anderswie Geräusche erzeugen lässt. Für mich ist dieses Album wirklich toll, sehr stimmungsvoll, finster aber nicht ohne das Raison D’Être-übliche Lichtlein am finsteren Horizont.

Der Nachfolger, “Requiem for Abandoned Souls”, ging den gleichen Weg, vielleicht einen Tick weniger abgrundtief finster. Auch dieses ist ein großartiges Album, keine Frage. Manchmal überkommt mich jedoch eine kleine Verstimmtheit, da es dem Vorgänger doch so ähnlich ist. Mir hat dort die kreative und konsequente Weiterführung gefehlt.

Nun liegt also “Metamorphyses” in meinem CD-Player. Der erste wesentliche Unterschied zum bisherigen Werk ist die Covergestaltung. Es handelt sich hier um das erste Cover welches komplett abstrakt gestaltet ist. Hier gibt es keine Fotos von alten Kirchen, Trümmerlandschaften, Industrieüberresten etc. Lediglich ein sonnenwindartiges Gebilde in blaugrünen Farben ziert das Digipack (es erinnert ein wenig an den Planeten Solaris – bis auf die Farbe – aus dem gleichnamigen amerikanischen Remake mit G. Clooney :) ). Auch die Trackbenennung ist hier anders: “Metamorphyses I – VI” steht nur in der Tracklist. Sicher kein Zeichen von Kreativitätsverlust, was man spätestens nach dem Hören des Albums zugeben muss und wird.

Die CD läuft an, ein erstes, finsteres Pochen schleicht sich aus den Boxen, begleitet von tropfenartigen Geräuschen. Leicht und luftig einerseits, steigt der geneigte Hörer jedoch eher hinab in die Dunkelheit, in das Ich, in eine andere Welt als hinauf in göttliche Gefilde. Die Töne schwellen an, es beginnt zu flimmern, zu klirren, zu kratzen und knarzen, es scheppert und aus der Ferne ist ein choralartiger Gesang zu vernehmen. Leichte Synthsounds und tonneschweres Metal vermengen sich und werden zu etwas Anderem, etwas Eigenem, etwas Großem … nach gut 10 Minuten ist der erste Teil, die Einführung in die nun kommende Metamorphose abgeschlossen. Wir sind angekommen.

Wie bei Raison D’Être üblich, ist auch dieses Album Kopfkino pur. Insbesondere die Spannung, die in den Stücken und über das Album hinweg aufgebaut wird, ist etwas ganz besonderes. Langeweile kommt hier nicht auf, ebensowenig Eintönigkeit. Die Stücke schwingen erst langsam, werden dann schneller, pulsieren, drücken, ziehen hinab … oder hinauf. Das ganze Album beschreibt eine Spannungskurve, die ihren Höhepunkt im vierten Stück erreicht. Hier wird es laut, die filigranen Sounds werden übertönt von einem endlos anhaltenden Scheppern welches widerum fast zu einem Rauschen verklärt. (Es erinnert mich ein klein wenig an die pompösen Trommelattacken von Apoptoses “Blutopfer”). Die Lautstärke steigt und steigt, die Metamorphose gleitet ihrem Endergebnis entgegen. Was wird es sein? Ein Schmetterling wohl kaum, eine bessere Welt auch nicht. Ich denke, es bleibt dem Hörer überlassen, was sich da vor seinem inneren Auge aufbaut …
Die beiden letzten Stücke bringen den Vorgang mit wieder leiseren Tönen zu Ende, der Kraftakt ist vorbei, ausatmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass hier wieder ein Meisterwerk vorliegt, das Seinesgleichen sucht. Stilistisch ist hier eine Weiterentwicklung seit dem vergangenen Album zu erkennen, wenngleich auch hier wieder sehr viel Metall zum Einsatz kommt sowie in der Grundstruktur, dem Aufbau von “Metamorphyses” die vergangenen Alben erkannt werden können. Trotzdem ein eigenständiges Werk, kein Nachmacher sondern eine Fortsetzung. Definitiv nichts zum Hören nebenher, denn nur beim intensiven Lauschen wird sich das Kopfkino optimal entfalten können. Alles andere ist nahe am Frevel ;)
Ich bin sehr erfreut über dieses Album und werde es bis zum nächsten noch oft genießen können!

Albumcover Raison D'Etre - Metamorphyses


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