100%, archivierte Augenblicke und anderes Gedankengut
Mittlerweile hab ich, nach dem sehr genialen “Mister Aufziehvogel” auch das zweite Buch des japanischen Autors Haruki Murakami gelesen. Dabei handelt es sich um den Erzählband mit dem wunderschönen Titel “Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah”. Zugegeben, ich habe das Buch fast ausschließlich des Titels wegen gekauft, dabei allerdings übersehen, dass es sich um eine Sammlung von Erzählungen handelt ![]()
Nun gut, im Grunde macht das eigentlich nichts. Kleine Geschichten lesen sich doch angenehmer, kann man sie doch immer mal in einer ruhigen Minute konsumieren, kurz vor dem Schlafengehen usw. Ich kann allerdings nicht behaupten, dass mir jede der Erzählungen besonders gut gefällt. Sie haben alle ihre Schwächen oder Stärken. Wer sich davon selbst überzeugen will, möge es jedoch entweder lesen oder im Weltennetz stöbern und ausführliche Kritiken finden.
Wie bereits erwähnt, hat mich der Titel besonders fasziniert. Die Geschichte gleichen Titels (die übrigens sehr schön ist), besteht eigentlich nur aus einem Gedankenspiel, welches vermutlich jeder kennt. Man begegnet, auf welche Weise auch immer, einem augenscheinlich ganz besonderem Menschen. Es muss nicht DAS Mädchen sein, aber der Einfachheit halber identifiziere ich mich mit dieser Situation besonders gut
Man trifft also diesen Menschen und es knallt, ganz tief im Inneren. Man ist sich sicher, etwas lang Gesuchtes gefunden zu haben, Gedankenblitze schießen durchs Hirn, man malt sich aus, wie man diese Person auf sich aufmerksam macht, selbst für diesen Menschen volle 100% darstellt und eine wundervolle Zukunft erscheint vor dem inneren Auge. Es kann natürlich auch eine wundervolle Gegenwart sein. Wie im Film. Dort klappt das ja auch.
Doch vor all das wurde von einem offensichtlich bösen Wesen die Kontaktaufnahme gesetzt und schon an dieser ersten Hürde wartet das klägliche Scheitern mit höhnischem Grinsen (nicht für jeden natürlich, aber was mich betrifft ist jeder andere Weg quasi unsichtbar) … trotzdem man an nichts anderes denken kann. Nun, genau genommen ist es ja nicht einmal ein Scheitern, denn wo nichts ist, kann auch nichts Scheitern. (Dumm, denn scheitern stärkt ja bekanntlich und kann sogar künstlerisch wertvoll sein.)
Jedenfalls dauert diese Situation im Idealfall nur Sekunden, es können aber auch Stunden oder Tage sein … und es beisst sich ein quälendes Wissen in einem fest, das Wissen nämlich, eine Chance verpasst zu haben und der Wunsch, nochmal von vorn beginnen zu dürfen. Sie, also das betreffende Menschenkind, ist verschwunden und nur Frau Zufall kann nun noch gnädig sein …
Aber zur Beruhigung (vor allem meiner): das 100%ige Mädchen gibt es gar nicht bzw. diese Wesenheit ist nur ein temporales (oder auch romantisch verklärtes) Konstrukt, welches solange aufrecht und am Leben erhalten werden kann, wie es kein anderes 100%iges Mädchen gibt. Die Definition der 100%ig-keit ist in meinen Augen zudem von zu vielen Faktoren bestimmt um überhaupt definierbar zu sein und natürlich sowieso rein subjektiv. Heute begegnet mir eine Person, die in diesem Moment genau das 100%ige Mädchen zu sein scheint. Morgen begegnet mir eines, welches es ebenfalls ist, sich jedoch von der gestrigen Begegnung völlig unterscheidet. Ich zumindest könnte nicht mit Bestimmtheit sagen, woran ich das 100%ige Mädchen erkennen würde, eher noch, woran ich es nicht täte
Damit fühle ich mich zwar nicht besser, aber verpasste Gelegenheiten können mir nun nichts mehr anhaben
Themawechsel. Du kennst das: ein schöner Tag ist gerade dabei, zur Neige zu gehen, Du hast einen besonders schönen Film gesehen, ein vierblättriges Kleeblatt gefunden oder einen unheimlich leckeren Cappuccino genossen. Solcherlei Eindrücke müsste man festhalten können. Gut, das Kleeblatt hängt an der Pinnwand, die Kinokarte auch, aber spätestens bei der nächsten Aufräumaktion fällt Dir sicher irgendwas zum Opfer. Tagebuch schreiben ist auch doof, kindisch und nur für Mädchen. Es gibt aber nun Abhilfe. Der Kommunikationsdesign-Student Nils Rigbers von der FH Darmstadt hat ein System zum Archivieren und Konservieren von Augenblicken entwickelt. Das Pelemelesystem. Besteht aus Tütchen, Kärtchen, Wegwerfkamera und mehr, so dass sich munter Augenblicke, Eindrücke und Erinnerungen einsacken lassen.
Schöne Idee, wie ich finde. Nur einen Tick handlicher könnte es noch werden, aber daran wird auch schon gearbeitet.
Im Übrigen ohrwurmt mich gerade ein Stück von “Apoptygma Berzerk” … und dank der Fanpage weiss ich jetzt, dass es sich um “Eclipse (Welcome To Earth)” handelt … ein netter Song eigentlich …
Aber nun genug von mir, ich gebe ab an das Wetter. Und an den Linktipp. Heute: Das I/O Magazine.