kein Traum

*klingel*

*klingel*

*klingel*

Augen auf, es klingelt. *stöhn*

Wer kann das sein um diese Zeit? Hmm … so viele kommen da nicht in Frage.

*klingel*

Ich greife zum Hörer, nehme ab. “Hallo?”
Es rauscht am anderen Ende. Ich kann nicht genau identifizieren, was sich dort bewegt und wohin und wodurch. Aber es passt in meine Vermutung was die Identität des frühnächtlichen Anrufers betrifft. Ich warte noch ein wenig, reibe mir derweilen den schon ansetzenden Schlaf aus den Augen. Dann frage ich leise “Was sind denn das für Geräusche?”
Von der anderen Seite ertönt ein “Hallo”. Ich erschrecke, die Stimme ist sehr tief, ungewöhnlich tief. Aber irgendetwas an dieser Stimme reizt mich, sie klingt ein wenig gekünstelt. Ich moduliere die meine und ähnlich tief sage ich zurück “Hallo”. Ich komme mir schelmisch dabei vor, so, wie es der Anrufer tun muss.
Die Stimme erklingt wieder. Entgegen meiner Vermutung bleibt der Klang erhalten. In fließendem Russisch werden Worte gesprochen, die ich nicht verstehe. Schreck. Meine bis hierhin ausgebaute Welt des Anrufers bricht mit Getöse zusammen, Herzklopfen. Ich kann mich zuerst nicht bewegen, dann schaffe ich es aber, aufzulegen. Das Herzklopfen hört nicht auf. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf, hindurch durch all die anderen: Auf eine solche Art beginnen oft psychisch und physisch surrealistische Alptraum-Trips in Filmen. Oder schlafe ich vielleicht schon längst? Ich bin nicht sicher, lasse aber das Licht noch an.

*klingel*

*klingel*

*klingel*

Wieder klingelt das Telefon. Das Herz klopft wieder, hat keine Zeit, sich zu beruhigen.

*klingel*

Ich lasse es länger klingeln, entschließe mich dann aber dazu, doch abzunehmen. Ich erwarte eigentlich eine Auflösung des offensichtlichen Missverständnisses meinerseits.
Ich nehme nur ab, melde mich nicht, denn ich bin nicht am Zug.
Eine tiefe, in meinen Ohren gekünstelt klingende Stimme meldet sich: “Hallo?”.
Eine halbe Minute vergeht wortlos, dann lege ich wieder auf. Genug. Das Klopfen in der Brust hält noch eine Weile an, aber schließlich lösche ich das Licht. Was für eine Achterbahnfahrt erwartet mich nun? Ich werde es vermutlich erleben. Ich schaffe es gerade noch, mir einen Tiger vorzustellen, fauchend, funkelnd, am Hals bebandet. Dann schlafe ich ein.