Verehrtes Fräulein D.,
ich schreibe Ihnen noch ein paar Zeilen, bevor ich mich heute noch nach draußen wage um das letzte Stück blauen Himmels zu genießen. Nachdem ganze Sturzbäche grauschmutzigen Wassers den gesamten heutigen Tage vom Himmel prasselten, muss ich doch noch aus meiner engen Stube und ein wenig saubere Luft schöpfen. Heute war wirklich ein sonderbarer Tag müssen Sie wissen und das atmen fällt mir fast schon schwer.
Es ist ja nicht einmal so, dass mir besonders merkwürdige oder gar beängstigende Dinge wiederfahren sind. Was das betrifft, ist alles so normal wie es nur sein kann. Niemand kreuzte meinen Weg, der es nicht bereits mehrfach tat, die Arbeit fließt dahin, ebenso die Worte, auch wenn diese heute etwas rar gesät waren. Ich befinde mich aber in einer merkwürdigen Stimmung, die ich mir einfach nicht erklären kann. Ich glaube, es hängt mit dem stürmischen Wetter zusammen, oder mache ich es mir damit zu einfach? Was meinen Sie? Vielleicht sollte ich den Rat meines Herren Doktorus befolgen und mehr auf mich, meine Ernährung und meine Zeit achten. Der Mann hat gut reden. Dabei bin ich doch kerngesund, bis auf diese Stimmung. Bestimmt wird sie von ganz allein verfliegen, wenn ich erstmal die letzten Sonnenstrahlen spüre, wobei mir einfällt, dass ich mich spurten muss, will ich von diesen wirklich noch einen kleinen Rest abbekommen.
Aber ich schreibe ja die ganze Zeit nur von mir. Denken Sie nicht, ich wäre nicht an Ihrem Befinden interessiert. Ich hoffe sehr, Sie lassen mich recht bald mehr darüber erfahren.
Und so verbleibe ich mit herzlichen Grüßen aus dem so fernen W.
Ihr P.
PS. Gestern hatte ich das Glück, das Prinzessinnenjuwel sehen zu dürfen. Es ist wundervoll.
24.Mai 1927