traumessenz – fragmente

Zurück aus Wien

Liebes Fräulein D.,

ich bin am heutigen Tage wohlbehalten aus Wien wieder hier in meiner Heimat eingetroffen. Es war eine wundervolle Reise voll von Eindrücken, die ich Ihnen aber an anderer Stelle ausgiebig darlegen möchte. Ich muss Ihnen in diesem kurzen Brief von einer Sonderbarkeit berichten, die mir genau heute wiederfahren ist. Schnellstmöglich verließ ich nach der Ankunft den Bahnhof, die Müdigkeit und Vorfreude trieb mich eilig in mein kleines Kämmerlein. Dort fand ich die Post vor, die in den vergangen zwei Wochen für mich abgegeben wurde.

Darunter war ein Brief der mir durch die akkurate Handschrift und die ordentliche Abstempelung auffiel. Er war vom hiesigen Amtsgericht und an mich adressiert. Unheilvoll öffnete ich den Umschlag, hat man doch üblicherweise selten Gutes von Gerichten zu erwarten. Ich las also die Zeilen, in denen mir ein Termin zur ordentlichen Scheidung meiner Ehe mitgeteilt wurde. Ich nehme an, es handelt sich hier um eine Verwechslung, bin ich doch, wie Sie ja wissen, niemals verheiratet gewesen.

Nun kam mir aber der zugegeben schelmische Gedanke, dass es doch sicherlich sehr interessant wäre, einer solchen Ehescheidung beizuwohnen. Da mir dazu ja nur eines fehlt, nämlich der Ehering, möchte ich Sie hiermit bitten, meine Frau zu werden. Ich hoffe sehr, Sie werden einwilligen und verbleibe bis zu unserem Wiedersehen mit den herzlichsten Grüßen.
Ihr P.

17.Juni 1927


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