Cotard und kalte Gedanken

Verehrter Herr von B.,

haben Sie sich irgendwann einmal gefragt, ob Sie wahrhaftig existieren oder haben Sie das sogar einmal ernsthaft angezweifelt? Ist es Ihnen schon einmal in den Sinn gekommen, dass Ihnen vielleicht eines Ihrer Organe fehlen könnte (fällt es doch als Laie gewiss schwer, solcherlei Vermutungen nachzuprüfen)? Ist in Ihnen einmal der Gedanke gekeimt, dass alles Bestehende nichtig und leer sein könnte? Oder sperrt sich Ihr Verstand grundsätzlich gegen Ideen dieser Art?

Warum ich Sie das frage werden Sie zu Recht bemerken. Nun, ich möchte Sie keinesfalls herausfordern oder zu gedanklichem Wettstreit anstiften. Ich habe nur vor wenigen Tagen von Monsieur Jules Cotard gehört, einem französischen Arzt, der tatsächlich Menschen begegnet ist, die glaubten, bereits tot oder verstümmelt zu sein und eigentlich in das tiefe Erdreich verscharrt zu gehören. Diesen Menschen ist es nicht vergönnt, Trost und Erklärung zu finden, sei es in der Kirche oder in den Büchern gelehrter Philosophen. Ich versuche, mich in diese schauerliche Welt der grauen Schleier zu begeben, aber es gelingt mir nur spärlich. Zu meinem Glück eigentlich. Es ist grauenvoll genug.

Voller Gedanken
P.

22.Juli 1927